Peter V. Zima
An der im Titel sich ankündigenden optimistischen These kann gezweifelt werden. Eines der Hauptanliegen meines Buches "Theorie des Subjekts" ist zu zeigen, daß individuelle Subjektivität einerseits akut gefährdet ist, weil die gesellschaftlichen Herrschafts- und Integrationsmechanismen in der Postmoderne immer effizienter wirken; daß Subjektivität andererseits überlebt, weil sich individuelle und kollektive Subjekte (soziale Bewegungen) gegen Unterwerfung und Integration wehren. Aus Jahraus' gründlicher, verständnisvoller und auch großzügiger Rezension möchte ich hier nur zwei Argumente herausgreifen, in die sich meiner Meinung nach Mißverständnisse eingeschlichen haben. Die These von der subjektlosen SystemtheorieDas erste Argument betrifft Luhmann. Jahraus meint (und Luhmannianer würden ihm wohl recht geben), daß es im Rahmen der Systemtheorie gar nicht möglich ist, die Frage nach dem Subjekt zu stellen, weil diese Theorie den Subjektbegriff nicht kennt. Mit Jahraus' eigenen Worten:
Es mag eine Ironie des wissenschaftsgeschichtlichen Schicksals sein, daß dies ein Einwand im Sinne von Lyotard ist: Man begeht einen "tort" (ein "Unrecht") würde Lyotard sagen, wenn man Luhmann vorwirft, den Subjektbegriff nicht zu kennen oder die Frage nach dem Subjekt zu verabschieden. Es ist so, als wollte man Marxisten (Psychoanalytikern) vorwerfen, ihre Hypothesen seien nicht "falsifizierbar" oder Kritischen Rationalisten vorhalten, ihre Argumente seien "undialektisch": In allen diesen Fällen wendet man heteronome Kriterien an und begeht einen "tort". Meine Kritik an Luhmann ist jedoch grundsätzlich anderer Art. Denn ich bin keineswegs der Meinung, daß ihm der Subjektbegriff fremd ist. Es ist nämlich eine einfache logische Erkenntnis, daß man nicht etwas verabschieden kann, was man nicht kennt: Die für immer verabschiedete Frau kennt man bekanntlich nur allzu gut. Dies gilt auch für den Subjektbegriff, zu dem Luhmann bemerkt: Die Systemtheorie bricht mit dem Ausgangspunkt und hat daher keine Verwendung für den Subjektbegriff." ("Soziale Systeme", S. 51) Mein Argument in "Theorie des Subjekts" lautet: Luhmann unterdrückt den Subjektbegriff, der als mythischer Begriff (als mythischer Aktant) an entscheidenden Stellen seiner Theorie wiederkehrt (im Sinne einer Wiederkehr des Verdrängten). Es ist hier nicht der Ort, die kritischen Argumente aus der "Theorie des Subjekts" zusammenzufassen oder gar zu erläutern. Es mag genügen, eine Passage aus "Soziale Systeme" zu zitieren, aus der klar hervorgeht, daß Luhmann — vergeblich — mit der Sprache kämpft, um ihr die Subjektivität auszutreiben: "Es gehört zu den schlimmsten Eigenschaften unserer Sprache (und die Gesamtdarstellung der Systemtheorie in diesem Buche ist aus diesem Grunde inadäquat, ja irreführend), die Prädikation auf Satzsubjekte zu erzwingen und so die Vorstellung zu suggerieren und schließlich die alte Denkgewohnheit immer wieder einzuschleifen, daß es um >Dinge< gehe, denen irgendwelche Eigenschaften. Beziehungen, Aktivitäten oder Betroffenheiten zugeschrieben werden." ("Soziale Systeme", S. 115) Luhmanns Versuch, die Subjektivität der natürlichen Sprache zu unterdrücken, führt nun dazu, daß er zwar individuelle und kollektive Subjekte meidet, zugleich aber unzählige mythische Subjekte — Systeme, Subsysteme, Prozesse, Relationen — auf den Plan treten läßt und dadurch seine These von der subjektlosen Systemtheorie selbst widerlegt. Das sieht so aus: "Systeme müssen, um dies zu ermöglichen, eine Beschreibung ihres Selbst erzeugen und benutzen (...)." ("Soziale Systeme", S. 25) Systeme sind hier mythische Subjekt-Aktanten im Sinne der Strukturalen Semiotik. Die Mystifikation besteht darin, daß Luhmann (und dies ist ein durchaus heteronomes Argument im Sinne einer kritischen Theorie der Gesellschaft) die Interessen kollektiver und individueller Subjekte ausblendet und deshalb bestimmte Vorgänge im politischen System oder im Wirtschaftssystem weder beschreiben noch erklären kann. Kurzum: Die Tatsache, daß jemand behauptet, etwas nicht zu kennen, bedeutet noch nicht, daß ihn dieses "Etwas" nichts angeht. Man kann bekanntlich an einer Krankheit sterben, die man gar nicht zu benennen vermag. Aber die Wissenschaft ist dazu da, die Dinge und die Subjekte beim Namen zu nennen. Die "Dialogische Theorie"
in ihrem Verhältnis
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