IASLonline


Peter V. Zima

  • Eine Antwort auf Oliver Jahraus, "Nicht totzukriegen: Subjekt und Subjektivität überleben auch noch die Postmoderne". Rezension von Peter V. Zima: Theorie des Subjekts. Subjektivität und Identität zwischen Moderne und Postmoderne. (UTB 2176) Tübingen u. Basel: Francke 2000.
    http://iasl.uni-muenchen.de/rezensio/liste/jahraus4.html


An der im Titel sich ankündigenden optimistischen These kann gezweifelt werden. Eines der Hauptanliegen meines Buches "Theorie des Subjekts" ist zu zeigen, daß individuelle Subjektivität einerseits akut gefährdet ist, weil die gesellschaftlichen Herrschafts- und Integrationsmechanismen in der Postmoderne immer effizienter wirken; daß Subjektivität andererseits überlebt, weil sich individuelle und kollektive Subjekte (soziale Bewegungen) gegen Unterwerfung und Integration wehren.

Aus Jahraus' gründlicher, verständnisvoller und auch großzügiger Rezension möchte ich hier nur zwei Argumente herausgreifen, in die sich meiner Meinung nach Mißverständnisse eingeschlichen haben.

Die These von der subjektlosen Systemtheorie

Das erste Argument betrifft Luhmann. Jahraus meint (und Luhmannianer würden ihm wohl recht geben), daß es im Rahmen der Systemtheorie gar nicht möglich ist, die Frage nach dem Subjekt zu stellen, weil diese Theorie den Subjektbegriff nicht kennt. Mit Jahraus' eigenen Worten:

In der Tat ist diese Frage im diskursiven Kontext der Systemtheorie sinnlos im eigentlichen Sinn des Wortes. Sie kann weder verstanden noch beantwortet werden. Die Frage nach dem Warum des Verzichts setzt das Subjekt voraus und stellt sich daher in einem Kontext nicht, der das Subjekt nicht kennt.

Es mag eine Ironie des wissenschaftsgeschichtlichen Schicksals sein, daß dies ein Einwand im Sinne von Lyotard ist: Man begeht einen "tort" (ein "Unrecht") würde Lyotard sagen, wenn man Luhmann vorwirft, den Subjektbegriff nicht zu kennen oder die Frage nach dem Subjekt zu verabschieden. Es ist so, als wollte man Marxisten (Psychoanalytikern) vorwerfen, ihre Hypothesen seien nicht "falsifizierbar" oder Kritischen Rationalisten vorhalten, ihre Argumente seien "undialektisch": In allen diesen Fällen wendet man heteronome Kriterien an und begeht einen "tort".

Meine Kritik an Luhmann ist jedoch grundsätzlich anderer Art. Denn ich bin keineswegs der Meinung, daß ihm der Subjektbegriff fremd ist. Es ist nämlich eine einfache logische Erkenntnis, daß man nicht etwas verabschieden kann, was man nicht kennt: Die für immer verabschiedete Frau kennt man bekanntlich nur allzu gut. Dies gilt auch für den Subjektbegriff, zu dem Luhmann bemerkt: Die Systemtheorie bricht mit dem Ausgangspunkt und hat daher keine Verwendung für den Subjektbegriff." ("Soziale Systeme", S. 51)

Mein Argument in "Theorie des Subjekts" lautet: Luhmann unterdrückt den Subjektbegriff, der als mythischer Begriff (als mythischer Aktant) an entscheidenden Stellen seiner Theorie wiederkehrt (im Sinne einer Wiederkehr des Verdrängten). Es ist hier nicht der Ort, die kritischen Argumente aus der "Theorie des Subjekts" zusammenzufassen oder gar zu erläutern. Es mag genügen, eine Passage aus "Soziale Systeme" zu zitieren, aus der klar hervorgeht, daß Luhmann — vergeblich — mit der Sprache kämpft, um ihr die Subjektivität auszutreiben: "Es gehört zu den schlimmsten Eigenschaften unserer Sprache (und die Gesamtdarstellung der Systemtheorie in diesem Buche ist aus diesem Grunde inadäquat, ja irreführend), die Prädikation auf Satzsubjekte zu erzwingen und so die Vorstellung zu suggerieren und schließlich die alte Denkgewohnheit immer wieder einzuschleifen, daß es um >Dinge< gehe, denen irgendwelche Eigenschaften. Beziehungen, Aktivitäten oder Betroffenheiten zugeschrieben werden." ("Soziale Systeme", S. 115)

Luhmanns Versuch, die Subjektivität der natürlichen Sprache zu unterdrücken, führt nun dazu, daß er zwar individuelle und kollektive Subjekte meidet, zugleich aber unzählige mythische Subjekte — Systeme, Subsysteme, Prozesse, Relationen — auf den Plan treten läßt und dadurch seine These von der subjektlosen Systemtheorie selbst widerlegt. Das sieht so aus: "Systeme müssen, um dies zu ermöglichen, eine Beschreibung ihres Selbst erzeugen und benutzen (...)." ("Soziale Systeme", S. 25) Systeme sind hier mythische Subjekt-Aktanten im Sinne der Strukturalen Semiotik. Die Mystifikation besteht darin, daß Luhmann (und dies ist ein durchaus heteronomes Argument im Sinne einer kritischen Theorie der Gesellschaft) die Interessen kollektiver und individueller Subjekte ausblendet und deshalb bestimmte Vorgänge im politischen System oder im Wirtschaftssystem weder beschreiben noch erklären kann.

Kurzum: Die Tatsache, daß jemand behauptet, etwas nicht zu kennen, bedeutet noch nicht, daß ihn dieses "Etwas" nichts angeht. Man kann bekanntlich an einer Krankheit sterben, die man gar nicht zu benennen vermag. Aber die Wissenschaft ist dazu da, die Dinge und die Subjekte beim Namen zu nennen.

Die "Dialogische Theorie" in ihrem Verhältnis
zu Habermas' "Theorie des kommunikativen Handelns"

Das zweite Argument in Jahraus' Rezension, das mit einem Mißverständnis befrachtet zu sein scheint, betrifft Habermas. Jahraus bemerkt: "Wo es ernst wird, ist der Vorteil gegenüber Habermas nicht mehr allzu deutlich zu erkennen." Nun, möglicherweise gibt es gar keinen "Vorteil gegenüber Habermas". Aber einen erheblichen Unterschied gibt es auf jeden Fall, und ihn gilt es hier zum Abschluß hervorzuheben.

Der Unterschied hat zwei Aspekte und besteht darin, daß die in der "Theorie des Subjekts" entworfene Dialogische Theorie nicht von der "idealen Sprechsituation", sondern von der realen Sprachsituation ausgeht, in der individuelle Subjekte von ihren Soziolekten und Diskursen (als narrativen Strukturen) zu dem gemacht werden, was sie sind.

Die Verständigung im Rahmen der Dialogischen Theorie besteht darin, daß jedes individuelle Subjekt versucht, durch kritische Selbstreflexion über den eigenen Soziolekt (die eigene Gruppensprache) und den aus ihm hervorgehenden Diskurs hinauszugehen, um mit Hilfe der natürlichen Sprache den Soziolekt des anderen (der anderen) zu verstehen. In dieser Situation kann das Subjekt eines theoretischen Diskurses seine Hypothesen testen, indem es sie in den Kontext fremder Soziolekte und fremder Diskurse überträgt. Dadurch soll kollektive Dogmatisierung — innerhalb der Kritischen Theorie, der Systemtheorie, des Kritischen Rationalismus — vermieden werden.

Wenn es einen Vorteil Habermas gegenüber gibt, so besteht er darin, daß Habermas den Gesprächsteilnehmern einen homogenen Sprachgebrauch vorschreibt: Gesprächs- oder Diskursteilnehmer dürfen einen Ausdruck nicht mit verschiedenen Bedeutungen versehen. Dies ist jedoch unvermeidlich — vor allem dann, wenn man davon ausgeht, daß die Besonderheit des Ausdrucks und der Sprache die Subjektivität der Gesprächsteilnehmer ausmacht. Das Streben nach einer homogenen Ausdrucksweise unterdrückt die Subjektivität der Kommunizierenden. Die Dialogische Theorie möchte diese Subjektivität gerade zur Geltung kommen lassen, um auf diese Art die in der "interkulturellen" Gesellschaft vielbeschworene "Fremderfahrung" zu ermöglichen. Insofern ist die Dialogische Theorie in mancher Hinsicht eine Umkehrung der "Theorie des kommunikativen Handelns".

(Die Rezension, auf die sich die Entgegnung bezieht, finden Sie unter:http://iasl.uni-muenchen.de/rezensio/liste/jahraus4.html)


Prof. Dr. Peter V. Zima
Universität Klagenfurt
Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Universitätsstr. 65-67
A-9020 Klagenfurt

Ins Netz gestellt am 05.03.2002
IASLonline

Copyright © by the author. All rights reserved.
This work may be copied for non-profit educational use if proper credit is given to the author and IASLonline.
For other permission, please contact IASLonline.

Diese Entgegnung wurde betreut von der Redaktion IASLonline. Sie finden den Text auch angezeigt im Portal Lirez - Literaturwissenschaftliche Rezensionen.


Rezensionen stehen auf der Liste neuer Rezensionen und geordnet nach

zur Verfügung.

Möchten Sie zu dieser Entgegnung Stellung nehmen? Oder selbst für IASLonline rezensieren? Bitte informieren Sie sich hier!


[ Home | Anfang | zurück ]