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Arthur Schnitzlers Tagebuch. Thesen und Forschungsperspektiven.

Eberhard Mannack zum 65. Geburtstag



    Die Besprechung skizziert die Struktur des Schnitzlerschen Tagebuchs, charakterisiert Edition und Forschung und entwirft einige Perspektiven für die weitere Erschließung. Neben Fragen der Auswertung für die Schnitzler-Philologie und der Einordnung in eine Typologie der diaristischen Literatur geht es um eine sozialgeschichtliche Lesart, die die im Text realisierte Problematisierung der Subjektkonstitution aus kulturellen Aporien des späten 19. Jahrhunderts entwickelt.

    The review sketches the structure of Schnitzler's diary, characterises the editing and research and proposes a number of perspectives for future developments. As well as questions of the interpretation for the study of Schnitzler and the classification into a typology of literature in diary form, it deals with a socio-historical view that develops the problematisation, effected in the text, of the self-creating ego out of the cultural aporias of the late 19th century.

Arthur Schnitzler gehört zu den wenigen Schriftstellern, die ihr Leben lang nahezu kontinuierlich ein Tagebuch geführt haben. Exzerpte des Autors aus frühen, später von ihm selbst vernichteten Aufzeichnungen gehen bis 1876 zurück. Das Journal bricht drei Tage vor Schnitzlers Tod ab. 1 Die Publikation des umfangreichen, lange nur aus entstellenden Berichten oder gar Gerüchten bekannten Konvoluts durfte zu den dringenden Desideraten der Schnitzler-Forschung gerechnet werden. Nunmehr liegen von der auf zehn Bänden berechneten Ausgabe sechs vor, sie reichen von Schnitzlers Matura über den Höhepunkt seines Dichterruhms bis zum Beginn der Zwischenkriegszeit, mit dem das 'Alterswerk', einsetzt.

Der Text wird von einem Team der Österreichischen Akademie der Wissenschaften unter Leitung von Werner Welzig herausgegeben. 2 Die Edition folgt der Annahme, daß der 'Sinn' der Aufzeichnungen gerade auch über Schnitzlers Schreibgewohnheiten (Interpunktion, Abkürzungen u. ä.) zu erschließen ist, so daß sich die Textherstellung auf minimale Verbesserung von Schreibversehen beschränkt. Ansonsten sucht die Ausgabe einen Kompromiß zwischen dem Wünschenswerten und dem Finanzierbaren. Sie verzichtet demgemäß auf einen kritischen Apparat, der Textgenese und Textherstellung dokumentiert. Vom Editor wohlbegründet, aber gleichwohl schmerzlich ist das Fehlen eines Sachkommentars. Dafür wird das Werk durch umfangreiche Register halbwegs erschlossen, die Erwähnungen der eigenen Werke Schnitzlers und die Schriften und Namen anderer Personen verzeichnen. Da Schnitzler in hohem Maße seine Sozialkontakte notiert hat, ist das Personenregister von besonderem Wert. Beruf, Geburts- und Todesdatum sind beigefügt. Angesichts vieler gleichlautender Namen und heute verschollener Figuren dürfen hier abenteuerliche detektivische Recherchen vermutet werden. Nachworte Welzigs, die den Benutzer der 'Datenbank' beharrlich zu einem Leser des Tagebuchs als eines literarischen Genres sui generis zu erziehen suchen, runden die Bände.

Eben dieser Appell hat in der Forschung bislang nur geringe Resonanz gefunden. 3 Neben der Tatsache, daß das Tagebuch, wie die literarischen Zweckformen überhaupt, eher am Rande des literaturwissenschaftlichen Interesses steht, dürfte die Rezeptionssperre ihren Grund in Gehalt und Struktur des Werkes haben. Die Texte bieten keinen Anlaß für eine dramatische Revision des Schnitzler-Bildes. Es kehren die biographischen Krisen, die Meinungen und ästhetischen Werturteile so wieder, wie man sie aus bislang edierten Texten und Notizen kennt. 4 Nach allerlei experimentellen Vorstufen, auf die noch gesondert einzugehen ist, gewinnen die Aufzeichnungen (etwa seit 1902) einen festen, vom Autor später nicht mehr revidierten Duktus, der kalkuliert und demgemäß auch im Text selbst thematisiert ist, die Erwartungen des Lesers aber doch wohl enttäuscht. 5 Gleichwohl hat Schnitzler seinem Tagebuch größte, auch für ein künftiges Lesepublikum relevante Bedeutung zugemessen. 6

Die Aufzeichnungen gehen kontinuierlich von Tag zu Tag, wobei die Notate eines Tages wiederum streng chronologisch und unter Angabe der Tageszeit aufeinander folgen. In einer eher knappen Ausprägung repräsentiert den Typus die Aufzeichnung vom 7/10/1910:

    7/10 Vm. Tennis.   Mit Speidels über das W. L. [Weite Land], dem sie einen großen Theatererfolg prophezein, das sie aber nicht mögen.
    Zu Tisch Annie Strial und Frl. Kipiany. Über den Umsturz in Portugal.
    Den Einakter 'Komödiantin' vorläufig beendet; ohne rechten Glauben.
    Die Novellette 'Tagebuch' gefeilt.
    Zu Mama, ohne O. [Olga Schnitzler], die bettlägerig. Familie. Verzweifelt, daß ich dem Gespräch kaum mehr folgen kann.

Eintragungen über literarische Arbeiten, Freizeit, Sozialkontakte und die körperliche Verfassung (das Ohrenleiden), wie sie sich hier finden, gehören zum Standardrepertoire. Notizen über psychische Zustände (etwa 'Verdüsterung' oder 'Hypochondrie'), die Träume der vergangenen Nacht, Lektüre, Kino- und Panoptikumsbesuche oder,'Besorgungen' kommen häufig hinzu. Die Inhaltsangabe der Gespräche oder die Charakteristik von Arbeitsvorgängen können ganz fehlen oder sind zu stichwortartigen Kurzreferaten erweitert. Insgesamt unterbindet der Aufzeichnungsduktus die Möglichkeit, die Erlebniseinheit eines Tages oder gar mehrerer Tage in ihrer dynamischen Prozessualität ,'erzählerisch' zu erfassen und damit auch durch die Aufdeckung leitender innerer Motive oder prägender äußerer Umstände deutend zu analysieren, und löst statt dessen 'Leben' in die Abfolge partialisierter Faktizitäten (Handlungen und Ereignisse) auf. Die Kunst der psychologischen Analyse, die das fiktionale Werk auszeichnet, kehrt so im Tagebuch keineswegs wieder. Schnitzler grenzt sich damit scharf vom 'Journal intime' des späten 19. Jahrhunderts ab, das gerade die rücksichtslose Analyse der verborgenen psychischen Bewegungen betreibt. Weitere Abgrenzungen lassen sich gegenüber dem 'Arbeitsjournal' erkennen, das Materialien und Entwürfe für fiktionale und essayistische Arbeiten deponiert, oder gegenüber einer literarischen Komposition, erinnert sei an die Tagebücher von Max Frisch, die an die Stelle eines obsoleten 'fertigen Kunstwerkes' die Abfolge situativ gebundener fragmentarischer Skizzen setzt. Der Text orientiert sich statt dessen am chronikalischen Typus, wie er in Goethes Tages- und Jahresheften oder auch im Tagebuch Thomas Manns realisiert ist. 7

Die gigantische Fülle der 'harten Fakten', die der Text versammelt, stellt der künftigen Forschung Materialien für sozialgeschichtliche Untersuchungen zur Verfügung. Da Schnitzler sein Leben und seine Zeit nicht 'erzählt', wird die Auswertung mühsame Rekonstruktionen erfordern, dafür ist der Interpret davor geschützt, Schnitzlers Bild des gesellschaftlichen Lebens mit der sozialen Realität selbst zu verwechseln. Das 'Telefonbuch', das das Journal auch ist, präsentiert eine zeitlich und lokal fixierbare Gruppe von Künstlern und Intellektuellen, deren Zusammensetzung Aufschluß über Schichtungen und gruppenübergreifende Interaktionsmöglichkeiten in der Wiener Gesellschaft geben könnte. Es wäre etwa zu prüfen, wie dicht in der Zeit des alltäglichen Antisemitismus Kommunikationen zwischen Juden und Nichtjuden noch sind (Stand der 'strukturellen Assimilation') oder wie weit die künstlerische Intelligenz mit anderen Funktionsträgern (etwa der Armee, der Administration, der Wissenschaft oder der Wirtschaft) verflochten ist. Die gewissenhafte Verzeichnung der alltäglichen Begebenheiten und Verrichtungen liefert im Sinne einer 'Geschichte des privaten Lebens' Einblicke in die Regeln der erotischen Beziehungen, in die sozialen Rituale, in die Themen der geselligen Konversation oder in das Freizeitverhalten. 8 Ein 'subjektgeschichtlicher' Ansatz, dem einige Nachworte Welzigs verpflichtet sind, wird aus den kargen Andeutungen Schnitzlers die individuelle Perspektive auf die soziale Lebenswelt textexegetisch rekonstruieren können. So vermittelt das Fahrrad eine neue Erfahrung von Beweglichkeit, 9 die Kämpfe und Intrigen um die Zuerkennung (1908) und die Nichterteilung (1914) des Grillparzerpreises beleuchten das Verhältnis des Autors zu einem eher undurchschaubaren Literaturbetrieb, 10 der Ausbruch des Weltkriegs wird als unbegreifliches Ereignis erfahren. 11 Die, dem Genre 'Nachwort' entsprechend, eher punktuellen und anregend illustrativen Fallstudien wären für größer angelegte Untersuchungen fortzuschreiben, die die Rekonstruktion des sozialen Wandels mit über die Jahre hin sich erstreckenden Notatreihen zu konfrontieren hätte. Zu denken ist etwa an das 'Handlungssystem Literatur' (Veränderungen bei der Institution Theater, bei der Zensur, bei den Toleranzgrenzen: Schnitzlers 'erotische Werke', bei den ökonomischen Bedingungen oder bei den medialen Möglichkeiten: z. B. Film), aber auch an die Erfahrung 'großer' Geschichte oder an die fortschreitende Technisierung der Lebenswelt. Freilich wird spätestens hier der sozialgeschichtlichen Auswertung des 'Materials' dessen literaturwissenschaftliche Interpretation vorauszugehen haben, da durch die Organisation des Textes jene wahrnehmende und erlebende Individualperspektive überhaupt erst eingerichtet wird.

Für die strukturelle Anlage des Genres Tagebuch hat Manfred Jurgensen die konstitutive Bedeutung des Ich hervorgehoben. 12 Gattungsgemäß ist die Darstellung streng subjektzentriert, so daß sich der Schreibende dadurch charakterisiert, daß er von sich oder von Gegenständen oder Ereignissen redet, die ihm der Aufzeichnung wert scheinen. Der Rezipient formt sich im Vollzug der Lektüre ein Bild des Verfassers, das nicht auf Personalkenntnis beruht, sondern durch ein Schreibverfahren vorstrukturiert ist. Ein Reisetagebuch, das Wahrnehmungen der äußeren Welt verzeichnet und die Gedanken und Empfindungen des Subjekts ausklammert, mag das Bild einer Persönlichkeit entwerfen, die 'Objektives Weltenauge' ist, während das 'Journal intime' den Eindruck eines skrupulanten und lebensschwachen Egozentrikers hinterlassen könnte. Die nähere Bestimmung dieses vom Text konstruierten, in Jurgensens Terminologie 'fiktionalen' Ich ist eine genuin literaturwissenschaftliche Aufgabe, die durch eine 'textimmanente' Analyse prinzipiell zu leisten sein müßte. Mögliche Kriterien sind beispielsweise die Regeln, nach denen die 'Daten' selegiert werden, der Modus der Aufzeichnung (etwa von Tag zu Tag oder aus besonderem Anlaß), die Thematisierung des Schreibverfahrens im Text selbst und die Einordnung in die Traditionen und Typen des Genres, Stillagen, 'Sprachrollen' und Wortmaterial, deren sich das Ich zu seiner Artikulation bedient, 13 die Reflexion über die Funktion der Aufzeichnung für den Schreibenden, moralische, politische, ästhetische usw. Wertungen nebst dem expliziten oder impliziten fundierenden 'Wertsystem', schließlich die psychologischen und soziologischen Theorien, Theoriefragmente oder common-sense-Annahmen, mit deren Hilfe Realitätspartikel gedeutet werden oder der Verzicht auf Deutungen begründet wird. Einige Interdependenzen werden sich unschwer absehen lassen (etwa zwischen Aufzeichnungsmodus und Selektion - die Regel des täglichen Notats schließt beispielsweise die Eliminierung der banalen und ständig repetierten Alltäglichkeit aus, oder zwischen dem 'Wertsystem' und dem Fundus der Erklärungs- und Deutungsmuster), andere sind schwieriger zu erkennen (etwa die anthropologischen Annahmen, die der Modus der täglichen Aufzeichnung impliziert). Modelle, die die relevanten Textelemente erfassen und ihre funktionale Abhängigkeit rekonstruieren, sind bislang kaum in Sicht. Ein Blick auf den weitaus höheren Standard der Dramatologie oder der Erzählforschung illustriert die Schwierigkeiten, mit denen die Interpretation eines Tagebuchs belastet ist.

Die strukturellen Bedingungen der Gattung lassen sich freilich auch anhand exemplarischer Einzelstudien aufhellen. Schnitzlers exzessive Verschriftlichung des eigenen Lebens ermöglicht eine Untersuchung der textsortenspezifisch differenten Fassungen desselben Stoffes. Erhellend wäre der Vergleich zwischen den frühen Jahrgängen des Tagebuchs und der Autobiographie, die aus einer Umarbeitung des Journals hervorgegangen ist und dessen chronikalisch faktenorientierte Schreibweise beibehält. Über den trivialen Sachverhalt hinaus, daß die Autobiographie das Werden des Schriftstellers ex eventu erzählt, während die aktuellen Aufzeichnungen sehr viel mehr von der Unsicherheit über die eigene, noch nicht durch Werk und Erfolg beglaubigte Begabung geprägt sind, wären die Herstellung von Zusammenhängen zwischen den partialisierten Notaten, die raffende, bilanzierende und post festum interpretierende Zusammenfassung der diaristischen Vorlage und die Herstellung einer 'offiziösen Außenfassade' zu verfolgen. 14 Zu denken ist aber auch an die unterschiedliche Repräsentanz der so überaus zerquälten Liebesbeziehung mit Marie Glümer im monologischen Journal, 15 in den empfängerbezogenen Briefen 16 und schließlich in den literarischen Werken (Das Märchen, 17 Der Weg ins Freie (Heinrich Bermanns Liebeswirren)). Dem ersten Eindruck nach problematisieren die Dichtungen die Position des Mannes weitaus nachhaltiger als das Tagebuch. Man mag produktionsästhetische Spekulationen über die distanzierende, Freiräume der Reflexion eröffnende Funktion der Fiktion damit verbinden, wird aber auch erwägen müssen, daß das traditionelle, aber für Schnitzler immer noch gültige Prinzip der poetischen Gerechtigkeit das Gleichgewicht der Figuren fordert und auf eine künstlerische Verklärung hinarbeitet, die dem Tagebuch fremd ist.

In einem zweiten Schritt wird die textuelle 'Konstruktion' des Ich auf außerliterarische Faktoren bezogen werden können. Eine psychologische Analyse, die etwa die seelischen Bedingungen der Kreativität zu klären hätte, liegt nahe, da sie auf ein scheinbar authentisches und weitgehend von den Maskierungen der geselligen Rede entlastetes Material zurückgreifen kann, ein solcher Ansatz unterschlägt aber die Schwierigkeit, daß das textuelle Ich nicht naiv als Reproduktion des empirischen genommen werden kann, die Differenz zwischen beiden aber schlechterdings nicht zu fassen ist. Die Selektionsregeln des Textes mögen beispielsweise Zustände des psychischen Wohlbefindens ausgeschlossen haben, so daß Schnitzler 'pathologischer' erscheint als er gewesen ist, ebenso können die zahlreichen Notate über 'Verdüsterung' und ähnliches die neurotischen Zustände immer noch beschönigen. 18 Erfolgversprechender erscheint eine sozialgeschichtliche Lesart, die an die neuerdings virulente Diskussion um die Sozialgeschichte von Subjektivität anknüpft und die textuelle Präsentation des Ich auf die 'kulturelle Semantik' von Identität und deren Konnex mit der Evolution sozialer Strukturen bezieht. Vor allem die frühen Jahrgänge des Tagebuchs, in denen sich ausführliche Selbstdeutungen mit essayistischen Skizzen, poetischen Fragmenten und schlichten Chroniken über die verbrachten Abende vermischen, ermöglichen den Einstieg in die angedeutete Problemstellung. Selbstverständlich können einschlägige Erwägungen lediglich die Position des frühen Schnitzler mit den eher großflächig zu skizzierenden sozialen 'Sinnangeboten' vermitteln. Ob das Ergebnis für die literarische Intelligenz um 1900 repräsentativ ist oder eine Variante realisiert, wäre über einen Vergleich mit der reichhaltigen, bisher auch erst teilweise edierten Tagebuchliteratur der Zeit zu ermitteln. Auch hier hat die Forschung noch kaum begonnen.

Generell zieht die Umstellung von der stratifizierten zur funktional ausdifferenzierten Gesellschaft die Umstrukturierung der Rede über Identität nach sich. 19 Wird in den alten Gesellschaften das Selbstverständnis durch Inklusion, also durch Zugehörigkeit zu einem Stand, einer Familie, Korporation usw. gebildet, so gilt in der Moderne das Prinzip der Exklusion. 'Identität' meint den 'Menschen', der einer neben seinen vielfältigen sozialen Rollen und Funktionen immer noch ist, wobei dieses eigene Wesen durch einen Reflexionsprozeß zu erfassen ist. Die Geschichte des Tagebuchs im engeren Sinn scheint mit der Intensivierung des Modernisierungsprozesses im 18. Jahrhundert einzusetzen. 20 Es ist gerade jener Selbsterkundung gewidmet, die Schnitzler denn auch als Ziel seiner Aufzeichnungen thematisiert. 21 Innerhalb dieses Rahmens resultieren die geschichtlichen Wandlungen des Genres und seine je individuelle textuelle Realisierung aus einem komplexen Bedingungsgeflecht, in das etwa der Stand des Modernisierungsprozesses, die je aktuellen kulturellen Deutungsmuster, nach denen sich Subjekte ihre Identität aussinnen, die mikrosoziale Lebenswelt des Aufzeichnenden, seine Kenntnis der diaristischen Typen und Traditionen und seine soziologisch nicht faßbare Psyche eingehen.

Die sozialen Bedingungsfaktoren der Schnitzlerschen Biographie zeigen, daß dem laizistischen und akkulturierten Juden der Rückbezug auf die religiös fundierte jüdische 'Subkultur' unterbunden und der Anschluß, zumal im Zeitalter des beginnenden Antisemitismus, an eine deutschnationale oder christlich traditionalistische Auffassung des Österreichischen unmöglich sein mußte, während das liberale Konzept der 'rassisch' und religiös neutralen deutschen 'Kulturnation' durch den Niedergang des politischen Liberalismus diskreditiert erschien. Das Zerfallensein mit dem ärztlichen Beruf, das Schnitzler selbst als Scheitern 'dramatisiert', 22 hat wiederum die Ausbildung des Selbstverständnisses über familiäre Traditionen oder berufsspezifische Werte und Normen unterbunden. Die Aufgabe der Identitätsbildung über die Exklusion verschärft sich so in einer für die jüdische Intelligenz vielleicht nicht untypischen Weise, da die in modernen Gesellschaften immer noch fortwirkenden Relikte der inkludierenden Identitätsbildung versagen. Hinzu kommt, daß sich Schnitzler sozialen Rollenzuweisungen widersetzt 23 und den Anschluß an Solidarkorporationen oder politische Massenbewegungen, auch diese können Identität über Teilhabe konstituieren, verweigert hat. Die Distanz zu den makrosozialen Bewegungen wird später über dezidierte Verlautbartingen faßbar, in den frühen Jahrgängen des Tagebuchs schlägt sie sich in der Konzentration der Notate auf die Lebenswelt des Aufzeichnenden nieder. Es scheint, daß allein durch deren Exploration das Geschäft der Selbstklärung zu betreiben ist. Insgesamt präsentiert sich hier der Aufzeichnende als einer, der vor der Aufgabe der Identitätsbildung versagt. Gewiß ist das analytische Instrumentarium des Studenten begrenzt, Erklärungsversuche konfundieren die punktuelle Gesellschaftskritik mit allerlei pessimistischen Floskeln über die Natur des Menschen überhaupt und mit Betrachtungen über den eigenen defizient pathologischen Charakter. Man wird den Aufzeichnungen aber doch zugute halten müssen, daß sie sich gegen den Weg in die naive Illusion oder den begütigenden Kompromiß hartnäckig sperren. Eine Interpretation, die den Text von einem heute möglichen Wissen her liest, wird zeigen können, daß sich strukturelle Widersprüche der nachliberalen Gesellschaft in der privaten Situation reproduzieren, wobei insbesondere Aporien innerhalb jenes Wissens ins Blickfeld geraten, das die Gesellschaft über sich und ihre Institutionen erzeugt. Die vielfältigen Positionen der Schnitzler-Forschung konvergieren in der These, daß das entwickelte literarische Werk den liberalen Basiswerten immer noch verpflichtet ist, diese aber zugleich problematisiert. 24 Die frühen Jahrgänge des Tagebuchs gestatten einen Einblick in die Genesis dieses Schnitzlerschen Grundkonzepts. Hier können nur einige knappe und unvorgreifliche Hinweise gegeben werden.

Ein zentraler Begriff, mit dem sich das Ich der frühen Aufzeichnungen charakterisiert, ist die 'Zersplitterung'. 25 Die Tage vergehen mit vielfachen Aktivitäten (M edizinstudium, literarische Produktionen, Liebesverhältnisse, Kontakt mit Freunden, Kaffeehausbesuche, Spiel usw.), die untereinander keinen Zusammenhang bilden und mit geringer Intensität oder emotionaler Befriedigung betrieben werden. Der Aufzeichnende erfährt sich über diese Tätigkeit als Konglomerat unvollständig entwickelter und einander widersprechender Anlagen. Die Bestandsaufnahme der eigenen pathologischen Verfassung impliziert eine Vorstellung vom anthropologischen Normalfall, die liberalen Konzepten des 19. Jahrhunderts verpflichtet ist und das Ich als Abkömmling dieser Kultur ausweist. 26 Danach wird beim vollsinnigen Erwachsenen die kontingente chaotische Mannigfaltigkeit der psychischen Impulse durch ein System mehr oder weniger deutlicher 'Oberbegriffe' strukturiert, die die Hierarchisierung der Wünsche und damit die Ausbildung dominanter Strebungen ermöglicht'. Diese wiederum setzen sich in eine selbstbestimmte Tätigkeit um, die 'Glück' als Lebensziel garantiert. 27 Da die Oberbegriffe durch einen Bildungsgang erworben werden und Resultat einmaliger und unwiederholbarer Erfahrungen sind, sind sie streng individualisiert und können deshalb auch nicht mit Hilfe einer heteronomen Moral gewertet werden.

Die Schwere der aufgezeichneten Lebenskrise schlägt sich auch darin nieder, daß der Schreibende seine Desorientierung nicht als Durchgangsphase deutet, in der Überschau seinen Jahren das Merkmal der Entwicklungslosigkeit zuweist und so sein persönliches Versagen an den genetischen Modellen ('Bildung') der Zeit mißt. 28 Gleichzeitig entwirft der Text freilich auch Bereiche, über die die Ausbildung dominanter Strebungen möglich sein sollte und in denen so Subjektkonstitution und soziale Integration zur Konvergenz müßten gelangen können. Gemeint sind die Kunst im Sinne des 'Dichterberufs' und die Liebe, die ihrerseits wieder extreme Varianten des Eliteberufs und der in der Liebesehe gegründeten Familie sind, auf die sich das Selbstverständnis des bürgerlichen Mannes stützt.

Die Ausführungen zur Literatur bestimmen das gelungene Kunstwerk überraschenderweise nicht über ästhetische Prinzipien oder einfacher über eine Aufzählung von Textmerkmalen, sondern über Produktion und Rezeption. Der große Künstler ist von einem Werk ganz 'erfüllt', 29 der Kunstwert wird durch die Resonanz der Öffentlichkeit bestätigt. 30 Die liberale Rechtfertigung von Leistung und Konkurrenz, wonach es der Natur des Menschen entspricht, Innerlichkeit durch Tätigkeit zu entäußern, und Arbeit in einer trotz aller verbliebenen Reformbedürftigkeit vernünftigen Gesellschaft den Erfolg nach sich zieht, ist hier auf die literarische Produktion übertragen. Zugleich ist damit, zumindest implizit, die alternative Funktionsbestimmung der Kunst als Emanzipation von den Zwängen und prosaischen Zumutungen der Leistungsgesellschaft negiert. 31 Schnitzlers Begriff von Identität konstituiert sich geradezu über die Internalisierung des Leistungs- und Konkurrenzprinzips, da er nicht, wie es dem damaligen Kult der Persönlichkeit entsprochen hätte, über den unwiederholbaren Kosmos individuell nuancierter Eigenschaften entworfen wird, sondern eben über ein besonderes Werk, das die Arbeit aller Bekannten übertrifft und so die Differenz zwischen dem Eigenen und dem Fremden markiert. 32 Neben diese Apotheose liberaler Grundwerte tritt zugleich das Verlangen nach 'Erfülltheit' durch einen Rausch, das die 'sinnliche Kultur' der nachliberalen Ära 33 mit dem 'Lebenspathos' amalgamiert und mit dieser Kontamination den anomischen Zustand der Gesellschaft indiziert.

Das im Tagebuch anklingende Verständnis von Dichtung wiederum arbeitet sich an den inneren Widersprüchen der gründerzeitlichen Trivialästhetik ab. Gewiß bedürfte Schnitzlers frühe 'Poetik' einer sorgsamen Rekonstruktion aus impliziten Hinweisen. Dem ersten Eindruck nach ist sie der gängigen Auffassung verpflichtet, wonach es die Poesie mit den 'grünen Stellen' (F. Th. Vischer) innerhalb einer zur Prosa geordneten Wirklichkeit zu tun hat, sich bei ihren Darstellungen der gehoben stilisierten Redeweise bedient und so eine 'Schönheit' produziert, die zugleich 'wahr' ist. 34 Das 'idealische' Weltbild der Dichtung gerät in Widerspruch mit dem materialistischen der Naturwissenschaft, wobei ein an Heine geschultes desillusionierendes Ironisieren den Hiatus nur mühsam verdeckt. In der Doppelperspektive der beiden Berufe kann "Fännchen" mit den pseudopoetischen Sprachschablonen der Zeit zum 'Feinsliebchen' stilisiert und zugleich wieder als 'Zellencomplex' (4/6/1880) angesprochen werden. 35 Das Unbehagen an der Dissonanz verweist auf fundamentale Konstitutionsprobleme der bürgerlichen Gesellschaft, impliziert es doch die Norm der 'einheitlichen Kultur' und indiziert zugleich die Unfähigkeit des 19. Jahrhunderts, einem solchen selbstgesetzten Anspruch zu genügen. Schließlich rechtfertigt das liberale Denken die gesellschaftliche Ordnung, die es hervorgebracht hat, indem es sie als Erfüllung der goethezeitlichen Humanitätsphilosophie ausgibt. Konsequenterweise muß deshalb auch im Sinne der 'ästhetischen Erziehung' soziale Wirklichkeit als etwas erscheinen, daß auch unter ästhetischen Kategorien erfahren werden kann. Dies wieder verleugnet die tatsächliche Differenzierung zwischen einer von der technizistischen oder wissenschaftlichen Rationalität geprägten Arbeitswelt und einem Umgang mit den schönen Künsten, der auf die Freizeit beschränkt sein muß.

Eine Poesie, die als Ausgleich für den Rationalitätsdruck der Berufswelt oder auch als 'bildungsbürgerliches' Statussymbol funktionalisiert ist, mag zur Produktion von Illusionen tendieren. Schon eine Erzählung wie Sterben zeigt, daß Medizin und Psychologie eine solchermaßen ins Unverbindliche abgleitende Poesie korrigieren. In den frühen Jahrgängen des Tagebuchs erweist sich hingegen die Wissenschaft selbst als problematisch. Der Aufzeichnende beklagt den Zwang, Detailwissen (vor allem die Zoologie) erlernen zu müssen, und entwirft zugleich naturspekulative Globalhypothesen, deren Unwissenschaftlichkeit ihm durchaus bewußt ist. 36 Er reagiert damit auf eine aporetische Konstellation, ohne sie freilich zu durchschauen. Schnitzlers Anleihen bei der spekulativen Biologie erinnern an die Tendenz der Naturwissenschaften in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, eine komplette 'Weltanschauung' zu liefern und in dieser Funktion die Philosophie zu 'beerben'. 37 Sie konvergiert dabei mit einem liberalen Denken, das die 'voraussetzungslose Forschung' und die wissenschaftliche Erkenntnis gegen die traditionellen religiösen Legitimationen von 'Thron und Altar' ausspielt. Zugleich ist eben diese Wissenschaft, wie die Notate über die Praxis der akademischen Lehre anzeigen, in Spezialdisziplinen ausdifferenziert, deren Wissensbestände partialisiert und untereinander nicht anschließbar sind.

Die frühen Erfahrungen mit dem 'Handlungssystem Intimität' sind ähnlich strukturiert. In der Beziehung zu "Fännchen" wird 'Liebe' ganz im Sinne der bürgerlichen 'Codierung' als eine psychische 'Interpenetration' (die Liebenden lesen gegenseitig ihre Tagebücher) gefaßt, die mit der sexuellen Symbiose vergesellschaftet ist, den Willen zur Dauer impliziert und die Quelle des höchsten Glücks ist. 38 Daß "Fännchen" auf eine Versorgungsehe angewiesen ist, die der Student weder bieten kann noch will, verweist auf den verdeckten sozialen Widerspruch, daß die selbstreferentiell codierte Intimität (die Liebe allein um der Liebe willen) zugleich immer noch soziale Allianzen stiften und die wirtschaftliche Sicherung garantieren muß. Genauer besehen akzeptieren die kulturellen Normen die jungen Erwachsenen wohl als liebes-, nicht aber als ehefähig, binden zugleich die erfüllte Liebe an die Ehe und programmieren so die unglückliche Jugendliebe gewissermaßen vor. Die Poetisierung der frustranen Erfahrung, die das Tagebuch zumindest partienweise betreibt, mag eines der kulturellen Angebote zur Bewältigung dieses Konflikts sein. Die 'freien' Verhältnisse, die dieser biographischen Episode folgen, zeugen hingegen von der nicht weniger schwierigen Liebe der Boheme. Die Verbindung mit Marie Glümer etwa mag individualpathologisch eingefärbt sein, hat aber auch ihre sozialen Komponenten. Als Liebe impliziert sie den Anspruch auf Dauer wie die Ehe auch, ist ohne den regulierenden Halt der Institution aber der zeitlichen Begrenzung unterworfen. Es hat vorher Verhältnisse gegeben und wird danach wieder Verhältnisse geben. Die Konstellation hinterläßt die paradoxe Forderung, auf Zeit zu lieben als wäre es für immer. Die Notate decken dies auf, wenn sie die Zerstörung des erfüllten Augenblicks durch das Bewußtsein von der temporären Relativität beklagen. 39

Mit der erfolgreichen Etablierung als Schriftsteller (um 1892-1893) und schließlich mit der Familiengründung (1903) ändert sich der Duktus der Aufzeichnungen grundlegend. An die Stelle der Selbsterforschung und intimen Bekenntnisse tritt das eingangs skizzierte chronikalische Verfahren. Der Leser, der das Tagebuch als zusammenhängenden Text zu rezipieren sucht, erhält so gewissermaßen in der Exposition die Lebenskrise einer 'problematischen Natur', doch verweigert der Aufzeichnende in der Folge die deutende Darstellung des Übergangs zur relativen Stabilität von Beruf und Ehe. Gleichwohl scheinen die Notate des Gymnsiasten und Studenten jenes spätere, Faktizitäten verzeichnende Ich entscheidend zu konturieren, da der neue Aufzeichnungsduktus textfunktional als Lösung jener Probleme erscheint, die die frühen Notate aufgeworfen haben. Unter dieser Voraussetzung müßte sich die scheinbar irrelevante Verzeichnung des Alltäglichen als 'interpretierbar' erweisen. Die Vermutung wäre durch eine eingehende Analyse zu bestätigen, statt derer hier nur einige Hypothesen vorgeschlagen werden können.

Die Zentrierung der Notate auf Intimität und Arbeit setzt sich in den späteren Jahrgängen fort, Kunst und Liebe (auch im Sinne der familiären Bindung und der Freundschaft) umschreiben auch hier noch jene Bereiche, in denen sich das Subjekt seiner individuellen Eigenheit tätig entäußert und damit seine Identität konstituiert. Angesichts der konsequenten Abwehr von Rollenzuweisungen darf gefolgert werden, daß der Status des Schriftstellers oder etwa des Ehemanns nicht als rollenhaft zu verstehen ist. Offenbar werden auch die ursprünglich ausformulierten Postulate der 'Erfüllung' durch das Werk und der psychosexuellen Harmonie konserviert. Gerade diese Konstanz der Grundwerte konturiert über alle Wandlungen der Lebensverhältnisse, Meinungen und Schreibverfahren hinweg die Einheitlichkeit des textuellen Ich und damit auch die Kohärenz des Textes, demonstriert aber auch, daß der Schreiber der Kultur des 19. Jahrhunderts verpflichtet bleibt, der er entstammt.

Das Ich nähert sich seiner persönlichen Lebensrealität, indem es seine geleistete Arbeit bucht, die Reaktion der Öffentlichkeit und der Freunde auf seine Werke notiert und dabei am zweischneidigen Sozialprestige des Schriftstellers laboriert, der als 'Genie' die bürgerlichen Eliteberufe übertrifft und als Mann ohne definiten Rang und Titel hinter ihnen zurückbleibt. Schnitzlers auch sonst zu konstatierendes Bestreben, die Schriftstellerei als bürgerlichen Eliteberuf zu legitimieren, findet so im Tagebuch seinen Niederschlag. Zudem hält das Ich seine persönlichen Kontakte fest und bilanziert sie von Zeit zu Zeit und mit Vorliebe zum Jahreswechsel - bezeichnenderweise in einem Atemzug mit der Überschau über die literarische Produktion. 40 Aus der Aufzeichnung der 'Tatsachen' wird die Vergewisserung über das eigene Wesen freilich nur erwachsen können, wenn die schriftlich fixierten 'Lebensspuren' nachempfunden, kunstgerecht ausgelegt und zu einem Lebenskontinuum zusammengefügt werden. 41 Eine solche Deutungsebene findet sich im Text sehr wohl. Zu denken ist an die fortwährenden Klagen über die vertrödelte Zeit, das mühsame Feilen und Bessern der Texte ohne rechte Überzeugung, die ehelichen Verstimmungen oder die unangenehmen Eindrücke, die Kontakte mit persönlich Bekannten hinterlassen haben. Sinnvoll wird dies alles erst vor dem Hintergrund des Anspruchs, der mit den Grundwerten gesetzt ist. Der Aufzeichnende 'konstruiert' sich auf dieser Ebene als einer, der die Divergenz zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte, ohne Verdrängungen und Beschönigungen im Bewußtsein zu halten vermag.

Der programmatische Verzicht auf weitergehende analysierende und erzählerisch ausmalende Darstellungen, der den Neuansatz des Tagebuchs auszeichnet, mag mit dieser prätendierten Illusionslosigkeit zusammenhängen. Das Bewußtsein dürfte insofern kontingent sein, als einander widersprechende psychische Elemente auftauchen und deren psychische Nachfolgeereignisse über die Selbstbeobachtung nicht prognostizierbar sind. Identitätsbewußtsein wird durch eine Reduktion der psychischen Hyperkomplexität erreicht, die etwa zwischen 'unwesentlichen' und 'eigentlichen', dem 'wahren Selbst' zugehörigen psychischen Elementen unterscheidet und dies auch auf die Handlungen des Subjekts überträgt. Selbstverständlich finden die Subjekte für diese Interpretationen kulturelle Deutungsmuster und Interpretationshilfen vor. 42 Schnitzler wertet solche Kontingenzreduzierungen als 'beruhigende Flucht ins System', durch die sich das Subjekt eine illusionäre Lebenswelt schafft, sich selbst stilisiert und damit in der Regel auch eine ungerechtfertigte und zu Fehlhandlungen verführende Steigerung des Selbstwertgefühls erlangt. 43 Die 'Aufrichtigkeit' als Merkmal des textuellen Ich bewährt sich so gerade in der Vermeidung der Interpretation und darüber hinaus in der streng chronikalischen Aufzeichnung, die den unbewußten Hang zur stilisierenden Selektion konterkariert. 44 Der Preis dieses Verfahrens ist freilich, daß wohl noch die generellen Tendenzen der Aufzeichnungen zu rekonstruieren sind, nicht aber der Sinn, der durch die Auswahl und die Kombination jener Ereignisse realisiert ist, die einen Tag bilden. Ein Text, der die kulturellen Illusionen über Identität zu umgehen sucht, tendiert möglicherweise und sicher gegen seine eigenen Intentionen dazu, kontingent zu sein wie das Leben selbst.


Prof. Dr. Horst Thomé
Institut für Literaturwissenschaft
Neuere Deutsche Literatur II
Universität Stuttgart
Keplerstr. 17
D-70174 Stuttgart

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Erstpublikation: IASL 18,2 (1993), S.176193. Die Online-Version wurde vom Autor eingerichtet und von der Redaktion bearbeitet.


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Fußnoten

1 Arthur Schnitzler: Tagebuch 1879-1931. Hg. v. d. Kommission für literarische Gebrauchsformen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Obmann: Werner Welzig. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 198l ff. DM 70.- pro Bd. [bislang ersch.: Tagebuch. 1879-1892 (1987, 488 S.); Tagebuch 1893-1902 (1989, 503 S.); Tagebuch. 1903-1908 (1991, 491 S.); Tagebuch. 1909-1912 (1981, 463 S.); Tagebuch. 1913-1916 (1983, 432 S.); Tagebuch. 1917-1919 (1985, 428)]. Zur Entstehungsgeschichte vgl. Werner Welzig: Das Tagebuch Arthur Schnitzlers 1879-1931. In: IASL 6 (1981), S. 78-111. Hier S. 82-83, und W. W.: Zur Herausgabe von Schnitzlers Tagebuch. In: Arthur Schnitzler: Tagebuch 1909-1912, S. 7-33. Hier S. 9-16.

2 Zu den editorischen Grundsätzen vgl. ebd. S. 16-29.

3 Als erste, notwendigerweise skizzenhafte Gesamtwürdigungen vgl. Gerhard Baumann: Arthur Schnitzler: Die Tagebücher. Vergangene Gegenwart   Gegenwärtige Vergangenheit. In: Modern Austrian Literature 10 (1977), S. 143-162; Welzig: Das Tagebuch Arthur Schnitzlers (Anm. 1); Martin Swales: Arthur Schnitzler's Occasions. Reflections on the Tagebuch 1909-1912. In: German Life and Letters 36 (1982/1983), S. 368-373; Horst Thomé: Faktizität des Lebens und erfüllte Zeit. Zum Erscheinen von Schnitzlers Tagebüchern. In: Orbis Litterarum 40 (1985), S. 88-96; Frederick J. Beharriell: Arthur Schnitzler's Diaries. In: Modern Austrian Literature 19 (1986), S. 1-20; Rüdiger Görner: Das Tagebuch. Eine Einführung. (Artemis Einführungen 26) München, Zürich 1986, S. 74-76. Die Beiträge betonen durchwegs den 'dürren' und 'faktenorientierten' Aufzeichnungsduktus, erwägen seine Funktion und referieren zentrale thematische Komplexe.

4 Zur Autobiographie vgl. Arthur Schnitzler: Jugend in Wien. Eine Autobiographie. Mit einem Nachwort von Friedrich Torberg. Hg. v. Therese Nickl und Heinrich Schnitzler. München u. a 1968; und Arthur Schnitzler: Briefe 1875-1912. Hg. v. Therese Nickl und Heinrich Schnitzler. Frankfurt/M. 1981; A. S.: Briefe 1913-1931. Hg. v. Peter Michael Braunwarth u. a. Frankfurt/M. 1984. Zu Schnitzlers 'Meinungen' vgl. die expositorischen Texte in: Arthur Schnitzler: Aphorismen und Betrachtungen. Hg. v. Robert O. Weiss. Frankfurt/M. 1967. Die Schelte über die journalistische Leichtfertigkeit der Literaturkritiker, politische Bekundungen (z. B. die pazifistische Einstellung während des Krieges) oder literarische Abgrenzungen (die Polemiken gegen den Expressionismus oder gegen die Losung vom Tod der psychologischen Literatur), die man hier findet, kehren im Tagebuch wieder. Dies schließt selbstverständlich nicht aus, daß sich der Spezialforschung ein weites Feld zu vielfachen philologischen Detailuntersuchungen eröffnet. Die penible Verzeichnung der literarischen Produktion trägt zur Klärung der bei Schnitzler in der Regel komplizierten Textgenese bei (er hat mitunter jahrelang und mit großen Unterbrechungen an seinen Werken 'gefeilt'). - Lektürevermerke geben Einblicke in die intellektuelle Biographie und den Wissensfundus des Autors. Beispielsweise zeigt sich dabei, daß man seine Kenntnis der psychiatrischen Fachliteratur nicht überschätzen sollte. Noch 1917 konsultiert er aus gegebenem Anlaß die längst überholten Kompendien seiner Lehrer Theodor Meynert und Richard v. Krafft-Ebing (vgl. 24/6/1917). Notate zu den Sozialkontakten und den Gesprächsthemen lassen Rückschlüsse auf die in Einflußforschungen meist unterschätzte Diffusion der Ideen durch das Hörensagen zu. Für Schnitzlers Kenntnis der Schriften und Konzepte Freuds und seiner Schüler ist das Material bereits vorzüglich ausgewertet bei Michael Worbs: Nervenkunst. Literatur und Psychoanalyse im Wien der Jahrhundertwende. Frankfurt/M. 1983. - Schnitzler hat die epochale Tendenz zur programmatischen Selbstdeutung in Gestalt literarischer Manifeste, literaturkritischer Essays o. ä. nicht geteilt, so daß seine poetologischen Prinzipien nur schwer zu fassen sind. Es müßte sich verlohnen, die knappen Wertungen, mit denen das Tagebuch eigene und fremde Werke charakterisiert, hinsichtlich einer solchen Rekonstruktion der autorspezifischen Poetik auszuwerten. Die Untersuchung ist freilich mit der Schwierigkeit belastet, daß die einschlägigen Dikta hochgradig interpretationsbedürftig und nicht durchwegs interpretierbar sind, weil ihnen der argumentative Kontext fehlt.

5 Zur Deskription des Aufzeichnungsverfahrens und zu dessen Thematisierung im Text vgl. vor allem Welzig: Das Tagebuch Arthur Schnitzlers (Anm. 1).

6 Zu Schnitzlers Selbsteinschätzung, der das Tagebuch für sein einziges Werk von bleibendem Wert gehalten hat, und zu seinen testamentarischen Verfügungen, die ein beträchtliches Publikumsinteresse voraussetzen, vgl. ebd. Man sollte dergleichen nicht als Kuriosum abtun, sondern zu verstehen suchen, wird sich aber zugleich vor der naiven Vermutung hüten müssen, Schnitzlers Wertschätzung stütze sich auf eben jene Textstrukturen, die der Literaturwissenschaftler rekonstruiert.

7 Zu den diaristischen Typen vgl. Ralph-Rainer Wuthenow: Europäische Tagebücher. Eigenart, Formen, Entwicklung. Darmstadt 1990. Die Arbeit geht auf Schnitzler nicht ein. Vgl. auch Béatrice Didier: Le Journal intime. Paris 1976. Zu den vergleichbar strukturierten Tagebüchern Thomas Manns vgl. Manfred Jurgensen: Das fiktionale Ich. Untersuchungen zum Tagebuch. Bern, München 1979, S. 202-226.

8 Zur Spielkultur vgl. Werner Welzig: Tagebuch und Gesellschaftsspiel. In: Arthur Schnitzler: Tagebuch 1917-1919, S. 419-427.

9 Vgl. Welzig: Bycicle-Lektion. In: Arthur Schnitzler: Tagebuch 1893-1902, S. 489-501.

10 Vgl. Welzig: Preis-Geschichten. In: Arthur Schnitzler: Tagebuch 1903-1908, S. 471-490.

11 Vgl. Welzig: Nachbemerkung. In: Arthur Schnitzler: Tagebuch 1913-1916, S. 429-432. Übrigens zeigt Schnitzlers fassungslose Überraschung zusammen mit seiner durchwegs positiven Einschätzung der Vorkriegszeit und ihres kulturellen Niveaus, daß zumindest bei ihm von der 'Untergangsstimmung' des Wiener Fin de siècle keine Rede sein kann. Es wäre zu prüfen, ob solche 'mentalitätsgeschichtlichen' Spekulationen nicht überhaupt literaturgeschichtliche Rückprojektionen sind, die durch das Klischee vom prophetischen Vermögen der Dichtung und durch die Autorität Hermann Brochs ("Hofmannsthal und seine Zeit") eingespielt werden.

12 Vgl. Jurgensen: Das fiktionale Ich (Anm. 7), bes. S. 7-30. Es sei dahingestellt, ob aus diesem strukturellen Befund bereits die weitreichende These vom Tagebuch als Genesis aller Literatur gefolgert werden kann. Hockes Versuch, Selbstbekenntnisse unterschiedlicher Art als unmittelbare Dokumente der europäischen Seelengeschichte zu lesen, dürfte durch Jurgensens Ansatz widerlegt sein. Vgl. Gustav René Hocke: Das europäische Tagebuch. Wiesbaden, München 1978.

13 Die Interpretation des Schnitzlerschen Tagebuchs über das verwendete Sprachmaterial wird vor allem von Werner Welzig favorisiert. W. W.: Der junge Mann und die alten Wörter. In: Arthur Schnitzler: Tagebuch 1879-1892, S. 471-488, arbeitet für die frühen Jahrgänge die Spannung zwischen der Emotionalität und den Sprachschablonen heraus, mit denen sie sich artikuliert. Ansonsten postulieren die Nachworte, daß die Notate primär nach stilistischen und wortsemantischen Gesichtspunkten zu deuten seien, da ihnen jener argumentative oder erzählerische Kontext fehlt, auf den sich die Textexegese zu stützen pflegt. So mögen die Konnotationen der Wörter unausgesprochene Wertungen verraten, die Wortwahl könnte den Grad der emotionalen Betroffenheit anzeigen, mit Hilfe der Parallelstellenmethode sollte die textspezifische Bedeutung rekurrenter Formeln zu erschließen sein, mit der etwa Personen charakterisiert werden. Welzig beklagt mit Recht, daß die traditionelle Sprachgeschichte solchen Fragestellungen kaum vorgearbeitet hat und die Interpretation demgemäß über Vermutungen und problematisierende Fragestellungen kaum hinausgelangt. 'Modelle' für die Sprachanalyse wird man allerdings kaum, wie Welzig will, von der Literaturwissenschaft einfordern können. Vielmehr wären die komplexen linguistischen Forschungen etwa zum 'Wortfeld', zu den Soziolekten oder zur Sprachpsychologie auf ihre Verwendbarkeit zu überprüfen.

14 Der Verfasser eines Tagebuches wird dazu neigen, gleichbleibende und ihm bestens bekannte Zustände auszublenden und sich auf Ereignisse mit dem Wert der Neuigkeit zu konzentrieren, während der Leser einer Autobiographie in eine ihm fremde Welt eingeführt werden muß. Demgemäß arbeitet Jugend in Wien das Verhältnis zum Elternhaus deutlicher heraus als das Journal und charakterisiert neu auftretende Figuren mit einem Portrait, dessen Ausführlichkeit an der erst ex eventu bestimmbaren biographischen Bedeutsamkeit der Beziehung orientiert ist. Ähnliches gilt für Charakterisierungen des Universitätsbetriebs, Zeitstimmungen (die ersten Anzeichen des Antisemitismus) usw. In den Umkreis der narrativen Umformungen gehört aber auch die Herstellung einer einheitlichen mittleren Stillage oder die Distanz zwischen dem erlebenden und dem erinnernden Ich. Auch thematische Umakzentuierungen sind zu konstatieren. So treten die Liebesverhältnisse etwas zurück, während die Bildungseinflüsse nachhaltiger betont werden. Dahinter stehen nicht nur Gründe der Diskretion, sondern auch die Fokussierung des Textes auf das Werden des Schriftstellers (der geplante Titel "Leben und Nachklang - Werk und Widerhall" richtet die Aufmerksamkeit des Rezipienten entsprechend ein, während der Herausgebertitel "Jugend in Wien" in die Irre führt).

15 Vgl. vor allem die Jahrgänge 1889 ff.

16 Vgl. Arthur Schnitzler: Briefe 1875-1912 (Anm. 4). Die hier publizierten Texte sind als schmale Auswahl aus dem umfangreichen Konvolut der Glümer-Briefe zu lesen.

17 Vgl. das Notat 26/2/1891: "Sonderbar, mit dem Mährchen. Es behandelt mit geringen Abweichungen im thatsächlichen, psychologisch mein Verhältnis zu Miz. Endet schlecht. - Wie wirds in Wirklichkeit enden?"

18 Als psychoanalytische Interpretation vgl. Heide Tarnowski-Seidel: Arthur Schnitzler: Flucht in die Finsternis. Eine produktionsästhetische Untersuchung. München 1983. Der Aufzeichnungsduktus wird hier als Resultat einer Verdrängungsleistung erklärt. Schnitzler habe seine narzißtische, aus einer paradoxen Familienkonstellation (Forderung, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln und dabei zu werden wie der Vater, mangelnde präödipale Spiegelung durch die Mutter) resultierende Problematik nicht in der unmittelbaren Selbstwahrnehmung erfassen können und sei deshalb in die Aufzeichnung von bloßen Tatsachen und Pseudoerklärungen seiner neurotischen Symptome (Heredität) geflüchtet. Im dichterischen Werk (Robert in Flucht in die Finsternis als Identifikationsfigur des Autors) kann der unbewußte Konflikt hingegen dargestellt werden, weil die Fiktion in den Dienst der Zensur gestellt ist. Dergleichen mag für eine Patientenrede unter der psychoanalytischen Grundregel adäquat sein, weil in diesem Fall die bewußten psychischen Elemente vollständig verbalisiert sind und Lücken im Bericht auf das Unbewußte verweisen. Man wird dagegen schlechterdings nicht entscheiden können, was Schnitzler bei der Abfassung seines Journals verschwiegen und was er verdrängt hat. Ein weniger anspruchsvoller Ansatz, der biographische Daten verallgemeinerbaren und empirisch erforschten Entwicklungsprozessen zuordnet und mit textextern überprüfbaren sozialen Faktoren korreliert, mag zu plausiblen Ergebnissen führen. In diesem Sinne könnten Werners Überlegungen zu Schnitzlers verlängerter Adoleszenskrise auf die frühen Jahrgänge des Tagebuchs übertragen werden. Vgl. Ralph Michael Werner: Impressionismus als literarhistorischer Begriff. Untersuchungen am Beispiel Arthur Schnitzlers. Frankfurt/M. 1981.

19 Vgl. Niklas Luhmann: Individuum, Individualität, Individualismus. In. N. L.: Gesellschaftsstruktur und Semantik. (Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft 3.) Frankfurt/M. 1989, S. 149-258. Der Ansatz ist wissenssoziologisch, da er den Zusammenhang zwischen dem sozialen Strukturwandel und der Rede über Individualität verfolgt, die psychohistorische Frage nach tatsächlichen Wandlungen bei der Individualisierung der Charaktere aber ausklammert. Ein möglicher Konnex zwischen Soziologie und Psychologie ist skizziert bei Thomas Luckmann: Persönliche Identität, soziale Rolle und Rollendistanz. In: Identität (Poetik und Hermeneutik 8). Hg. v. Odo Marquard und Karlheinz Stierle. München 1979, S. 293-314. Danach hat die Identitätsbildung eine historisch invariante Basis, da sie immer auf Leiberfahrungen und auf die Spiegelung des Selbstverständnisses durch das soziale Umfeld angewiesen ist. Innerhalb dieses Rahmens zeichnen sich moderne Gesellschaften durch den Hiatus zwischen der primären und sekundären Sozialisation (das Lernen außerhalb des Hauses), durch die Vielfalt der Rollen, die ein Subjekt erfüllt, und infolgedessen durch die Rollendistanz und schließlich durch die Pluralität und die beliebige Verfügbarkeit der Sinnangebote aus. Synchron gesehen, werden die sozialen Rahmenbedingungen gruppen- und individualspezifisch variieren, so daß die vorsichtige soziologische Plausibilisierung einzelner Biographien diskutabel wird.

20 So jedenfalls Wuthenow: Europäische Tagebücher (Anm. 7).

21 Vgl. das Notat vom 7/5/1885: "Nun es kommt, bald die Zeit, in welcher ich mir Gewissheit über mich selbst verschaffen werde. Warte Kerl, ich muss dir noch auf den Grund kommen!" Zur Selbstfindung als zentraler Intention vgl. Baumann: Arthur Schnitzler: Die Tagebücher (Anm. 3). Diese nicht nur bei Schnitzler auftauchende Funktionsbestimmung des Journals wird keine bare Selbstverständlichkeit sein, die keiner weiteren sozialwissenschaftlichen Herleitung bedürfte. Folgt man Luckmann: Persönliche Identität (Anm. 19), so wird das Identitätsbewußtsein nicht über die bloße Reflexion zu erzeugen sein, sondern bedarf zu seiner Konstitution der 'Spiegelung'. In den alten Gesellschaften dürfte dies die Eingliederung in die ständischen Korporationen garantiert haben. Die Bestimmung von Identität über Exklusion läßt die Gewinnung einer spiegelnden Instanz zu einem kardinalen Problem werden, da das 'Eigentliche' der Person mit der je situativ angenommenen Rolle, in einem funktionalen Subsystem gerade nicht zusammenfällt. Die Begegnung des Ich mit seinen Aufzeichnungen (Schnitzler ist ein eifriger Leser seines Tagebuchs, die Eindrücke dieser Lektüre sind wiederum Thema zahlreicher Notate) mag ein funktionales Surrogat dieses alten Außenbezugs sein, wird aber doch von der Willkür und Kontingenz der bloßen Selbstauslegung bedroht sein, so daß zur Stützung der limitierende personale Kontakt hinzukommen muß. Damit mag zusammenhängen, daß nicht nur Schnitzler aus seinem Journal vorgelesen oder die Aufzeichnungen anderen zur Lektüre überlassen hat. Zu dieser Praxis vgl. Welzig: Das Tagebuch Arthur Schnitzlers (Anm. 1). Die Preisgabe setzt Intimität voraus und konstituiert sie zugleich und gerät so zu einer Variante des neuzeitlichen Liebeskonzepts, das Identität über die totale und zweckfreie Kommunikationsgemeinschaft zu stiften trachtet. Vgl. dazu Niklas Luhmann: Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität. 4. Aufl. Frankfurt/M. 1984.

22 Vgl. "Als Hauptgrund meiner Verstimmung aber mußte ich außer einer frühen Blasiertheit, die ich mir übrigens nur einbildete, meinen Beruf ansehen, vielmehr die Überzeugung, daß zu der Ausübung dieses Berufes mir ebenso der redliche Wille als das wirkliche Talent fehlten." (Arthur Schnitzler: Jugend in Wien [Anm. 4] S. 294.). Das Tagebuch liefert dazu zahllose Parallelstellen.

23 So ist sein zentraler Einwand gegen den Antisemitismus, daß er den Juden eine Rolle aufdrängt. Vgl. Egon Schwarz: Arthur Schnitzler und das Judentum. In: Im Zeichen Hiobs. Jüdische Schriftsteller und deutsche Literatur im 20. Jahrhundert. Hg. v. Gunter E. Grimm und Hans-Peter Bayerdörfer. Königstein/Ts. 1985, S. 67-83.

24 Vgl. Carl E. Schorske: Wien. Geist und Gesellschaft im Fin de siècle. Deutsch v. Horst Günter. Frankfurt/M. 1982, S. 3-21. Zum Stand der einschlägigen Forschung vgl. auch Horst Thomé: Sozialgeschichtliche Perspektiven der neueren Schnitzler-Forschung. In: IASL 13 (1988), S. 158-187.

25 Vgl. "Wie bunt und ungleichmäßig geht's doch in mir zu." (7/1/1880); "Bin aber eben ein so unsäglich versplitterter Kerl. -" (26/1/1880); "Mittwoch Abd. - Zersplittert zerfasert - weiss factisch nicht wo ein wo aus und schlage eine Masse Zeit todt. Dass sich mein Interesse nicht zu concentriren vermag und immer herumvagirt. [...] ich kann nur sagen, daß mich eine nagende Unruhe peinigt - die verschiedenste Ideen und Entwürfe, Arbeiten und Vergnügung zu ihrem Spielball machen und ich im Grunde genommen nichts thue." (19/1/1881)

26 Vgl. beispielsweise die einflußreiche Explikation von psychischer Normalität bei Wilhelm Griesinger: Die Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten, für Aerzte und Studirende. Stuttgart 1845.

27 Bezeichnenderweise ist das Glück im Sinne des guten irdischen Lebens ein zentrales Thema. Vgl. "[...] und meine ganze philos. Zahnstocherei heißt ja eigentlich Problem des Glücks." (29/4/1880)

28 Vgl. "Samstag. 'Im allgemeinen verbumml' ich und verthu ich ohne rechten inneren und äußeren Fortschritt die Zeit [...]." (8/11/1879); "Ich beginne zu fühlen, dass nie und nimmer was aus mir wird." (6/5/1888). Da Bildung ein temporärer Prozeß ist, der durch relevante Taten und Erfahrungen vorangetrieben wird, verbindet sich mit der Erfahrung der Entwicklungslosigkeit der Eindruck, die Lebenszeit verlaufe leer und unkontrolliert. Vgl. "Die Zeit geht hin, man weiß nicht wie - " (28/2/1883). Da das liberale Denken den Bildungsprozeß des Individuums als Modell für die Evolution der Gattung Mensch und umgekehrt einsetzt, weitet sich Schnitzlers negative Selbsterfahrung zur generellen Skepsis dem epochalen Konzept vom Fortschritt gegenüber. Vgl. "Jeder denkende Mensch, wenn er nicht an einem höheren oder geringern Grade der Monomanie leidet, muss ja, in den Fußtapfen des gesunden Menschenverstands gehend zu der Ueberzeugung kommen, daß eine bleibende Verbesserung unsrer in der Verschiedenheit der Individualitäten und im Zufall beruhenden Weltordnung ein Traum optimistisch angelegter Köpfe bleiben wird und muss." (9/5/1880)

29 Vgl. "Ach wie wäre das wunderbar, sich von dem Gedanken an ein großes Werk erfüllen zu lassen!" (17/12/1893)

30 Vgl. bereits "Mein Vater kam mit der Nachricht nach Hause, die Wolter habe sich erkundigt, wann ich ihr mein Stück schicke? Wie da der Ehrgeiz wieder aufflammte." (18/11/1879). Notate zur öffentlichen Resonanz ziehen sich wie ein roter Faden durch das Journal. In den späteren Jahrgängen ist Schnitzler etwa vom Interesse fasziniert, das die Literaturwissenschaftler seinem Werk entgegenzubringen beginnen, und erwägt, welche seiner Schriften über seinen Tod hinaus 'bleiben' werden.

31 Zur Kunst als Alternative zur bürgerlichen Leistungs- und Erfolgsgesellschaft in der programmatischen décadence vgl. Erwin Koppen: Dekadenter Wagnerismus. Studien zur europäischen Literatur des Fin de siècle. (Komparatistische Studien 2) Berlin, New York 1973.

32 Vgl. dazu etwa das umfangreiche Notat vom 7/5/1885. Vgl. auch Swales: Arthur Schnitzler's Occasions (wie Anm. 3), wonach Schnitzler in der literarischen Leistung seine einzige Daseinsberechtigung zu sehen scheint.

33 Vgl. "Ich bin für alles edle, schöne verloren - jeder tiefern Freude bar - und empfinde Sehnsucht nach Genuss - nach Rausch - vielleicht nach Liebe." (5/5/1881). Als beispielhafte Formulierung des 'Lebenspathos' vgl. das Notat vom 15/4/1881. Zur Anomie von liberalem Leistungsethos und sinnlicher Kultur vgl. allgemein Schorske: Wien (wie Anm. 24).

34 Als Beispiel vgl. die geläufige Versifizierung, mit der das 'schöne' Gefühl des Weltschmerzes literarisiert wird (19/5/1880).

35 Zur materialistischen Desillusion vgl. auch die zynische Kant-Parodie: "Glaub ein andrer an eine regierende Vernunft. 'Es gibt nur drei Dinge: den Zufall über uns, den Reiz außer uns, die Gehirnzelle in uns'." (6/4/1880). Zum Gegensatz zwischen der poetischen und der wissenschaftlichen Weltanschauung vgl. das Notat vom 17/4/1880 neben vielen anderen Stellen.

36 Vgl. die Spekulation über die gestaltenden Einflüsse des Coitus für den Charakter des Kindes (28/4/1880). Vgl. auch die Reflexion über die psychische Wirkung solcher Spekulationen. "Ich bin immer zu solchen Fragen gedrängt und gäb' was drum, wenn sie mich nicht bedrängten - denn die Resultatlosigkeit ist ja voraussichtlich, die Verstimmung natürlich, die Unbefriedigung stetig. - " (ebd.)

37 Paradigma ist ein Werk wie Ernst Haeckels "Die Welträtsel".

38 Vgl. etwa das Notat vom 6/5/1880 neben vielen anderen Stellen.

39 Vgl. die lange Reflexion 7/4/1890.

40 Vgl. beispielsweise 1/1/1909. Zu den Bilanzen vgl. auch Welzig: Das Tagebuch Arthur Schnitzlers (Anm. 1).

41 Zur skizzierten kunstgerechten Auslegung eigener und fremder Lebensspuren vgl. Wilhelrn Dilthey: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. Einleitung von Manfred Riedel. (Suhrkamp Theorie) Frankfurt/M. 1970. Es mag subjektgeschichtlich nicht zufällig sein, daß die zeitnahen Konzepte von Diltheys Hermeneutik, Freuds Psychoanalyse und Schnitzlers Tagebuch in der Auffassung konvergieren, daß Lebenskontinuität nicht durch die bloße Reflexion zu erfassen ist. Bezeichnenderweise entschließt sich auch Stefan Zweig zur Führung eines Tagebuchs, um ein Mittel gegen das Verfließen der Zeit, das Verblassen der Eindrücke und den Verlust der Vergangenheit zu haben, teilt also die Überzeugung, daß zurückliegende Lebensphasen durch die Einfühlung in einen Text wiederbelebt werden können. Vgl. Stefan Zweig: Tagebücher. Hg. v. Knut Beck. Frankfurt/M. 1988, S. 9. Ob Schnitzlers mehrfache und intensive Lektüre seines Journals von solchen Deutungen des eigenen Lebens begleitet war, liegt selbstverständlich jenseits aller Erörterung. Entscheidend ist, daß solche Deutungen in den vorliegenden Text nicht eingegangen sind.

42 Vgl. dazu grundsätzlich Niklas Luhmann: Die Autopoiesis des Bewußtseins. In: Soziale Welt 36/4 (1985), S. 402-446.

43 Vgl. Horst Thomé: Kernlosigkeit und Pose. Zur Rekonstruktion von Schnitzlers Psychologie. In: Text und Kontext. Sonderreihe 20 (1984), S. 62-87.

44 Bezeichnenderweise führt Schnitzler die Beschreibung 'typischer Tage', die alle anderen nicht verzeichneten vertreten sollen, in den späteren Jahrgängen nicht fort, möglicherweise um die unwillkürliche Überformung zu vermeiden.